Konzepte und Innovationen
Wohlfühlräume als Schlüssel gegen den Fachkräftemangel
Mit ihrem neuen Seniorenwohnprojekt in Eschenburg-Eibelshausen zeigt die Diakonie Bethanien, dass gute Architektur mehr ist als schöne Fassade. Geschäftsbereichsleitung Daniela Lenz setzt auf eine moderne Atmosphäre und liebevoll gestaltete Mitarbeiterräume – und gewinnt damit nicht nur zufriedene Bewohner:innen, sondern auch begeisterte Mitarbeitende.
Von Olga Sophie Ennulat
Als das neue Haus im Oktober eröffnete, war sofort klar: Das Projekt hebt sich ab. Es vereint ein Seniorenwohnhaus, eine ambulant betreute Wohngemeinschaft und Tagespflege unter einem Dach. „Wir haben tatsächlich die erste Seniorenwohngemeinschaft im Lahn-Dill-Kreis eröffnet“, erklärt Lenz. Zwölf ältere Menschen wohnen dort zusammen, begleitet von einem ambulanten Pflegedienst, der aus dem benachbarten Dillenburg kommt. Eine Pflegekraft ist rund um die Uhr vor Ort. Die Mieter gestalten ihren Alltag selbstbestimmt: Sie kochen gemeinsam, entscheiden über neue Mitbewohner:innen und wählen ihre Freizeitaktivitäten selbst.
Das Konzept der Senioren-WG ist in Hessen noch neu, in Nordrhein-Westfalen dagegen längst etabliert. Lenz setzt bewusst auf Eigenverantwortung und Individualität. Der Aufbau orientiert sich an privaten Wohnungen mit Gemeinschaftsräumen wie Küche und Esszimmer, ergänzt um sogenannte Tandembäder – je zwei Zimmer teilen sich ein Bad. „Das ist auch für Paare ideal“, sagt Lenz. „Und ich kann mir vorstellen, dass sich später auch befreundete Witwen ein Bad teilen – eigentlich genial.“ Von dieser Variante sind drei Wohneinheiten für damit sechs Personen vorhanden. Dazu kommen sechs Wohnungen zur alleinigen Nutzung.
Die Nachfrage gibt ihr recht: „Viele finden das Modell attraktiv, weil sie Selbstständigkeit behalten, aber dennoch Sicherheit und Gesellschaft haben.“ Dass die Tagespflege direkt ins Haus integriert ist, sorgt zusätzlich für kurze Wege und ein enges Miteinander zwischen Bewohner:innen, Gästen und Mitarbeitenden.
Moderne Innenausstattung als Markenzeichen
Neben der innovativen Wohnform prägt die Innenausstattung den Charakter des Hauses. Lenz verabschiedete sich bereits bei vorherigen Bauprojekten von „Standardküchen in Buche-Optik“ und entschied sich für farbige, moderne Räume. „Wir haben Dark-Green-Küchen, Akustikpaneele, sehr hochwertige Möbel – einfach etwas Schönes.“ Das ungewöhnliche Design sprach sich schnell herum: Bewerbungen trafen selbst dann ein, als die Teams längst besetzt waren. „Viele sagten: ‚So eine Atmosphäre, da kann ich mir vorstellen, meine Schicht zu verbringen.’“
Raumgestaltung als Wertschätzung
Diese Erfahrung ließ sie erkennen, wie stark Raumgestaltung mit Wertschätzung und Mitarbeiterbindung zusammenhängt. „Mitarbeiterräume sind gelebte Wertschätzung“, betont Lenz. „Wer sie gut gestaltet, gewinnt Menschen und behält sie.“ Ihr eigener Maßstab lautet: „Räume, in denen man sich wohlfühlt, fördern Bindung – und Bindung ist das beste Recruiting.“
In Eibelshausen dominieren selbst in den Mitarbeiterräumen kräftige Töne: dunkle Böden, Wände in tiefem Grün, florale Tapeten mit Rot- und Schwarzakzenten. Die „Bethanien Lounge“, der Pausenraum für das Team, ist wie ein kleines Café gestaltet – mit hochwertigem Mobiliar, Bistro-Tischen und warmer Beleuchtung. „Ich wollte, dass man sieht: Es ist gewollt, dass wir hier sind und uns wohlfühlen.“ Auch die Umkleiden und Sanitärbereiche greifen das moderne Farbkonzept auf.
Positive Resonanz von allen Seiten
Das Resultat: spürbare Motivation und positive Resonanz von Mitarbeitenden wie Bewohner:innen. Selbst Handwerker, erzählt Lenz lachend, hätten irgendwann gefragt: „Heute keine Blumentapete?“ Besucher zeigten sich überrascht, dass man Pflege so modern denken kann. „Die Innenausstatter sagten, so eine Einrichtung hätten sie noch nicht gesehen.“
Die Räume wirken von Beginn an lebendig – kein steriler Eindruck, kein Gefühl von Institution. Farbige Flächen strukturieren die langen Flure, jede Etage trägt ein eigenes Tapetenmuster zur Orientierung. Lenz achtete zugleich auf Funktionalität: keine Bilderrahmen, keine Deko, die Pflegekräfte beim Putzen stören würde. „Ich brauche keine Personalkosten fürs Abstauben, und trotzdem ist es schön.“ Auch an Nachhaltigkeit wurde gedacht. Hochwertige Möbel zahlen sich über Jahrzehnte aus. „Man muss auf 20 Jahre rechnen statt auf zehn.“ Behörden hätten sich die Einrichtung persönlich angesehen – und das Konzept überzeugt.
Modernes Design statt Retro-Klischees
Lenz möchte bewusst mit dem Bild brechen, ältere Menschen wollten nur Retro-Motive. „Die meisten freuen sich über etwas Modernes. Die kommen ja aus schönen, gepflegten Wohnungen, nicht aus den 50ern.“ Statt Strand- oder Alpenpanoramen setzt sie auf mutige Farben und Muster. Das bringt Abwechslung, Persönlichkeit und Gesprächsstoff in den Alltag.
Der Effekt zeigt sich auch im Betrieb: Hauswirtschaftskräfte berichten, dass sie zu Hause keine Lust mehr zum Kochen hätten – weil die Arbeit in der modernen Gemeinschaftsküche einfach Spaß mache. Mundpropaganda, sagt Lenz, sei ohnehin die beste Werbung.
Räume als Statement für die Branche
Für sie ist die Gestaltung eines Hauses mehr als Einrichtung – es ist ein Statement. „Wie wertschätzend gehe ich als Leitung mit meinen Mitarbeitern um? Das sieht man an den Räumen als Erstes.“ Deshalb fließen in den kommenden Jahren Investitionen gezielt in die Mitarbeiterräume anderer Einrichtungen. Dort, wo Räume bislang „stiefmütterlich“ behandelt wurden, sollen moderne, freundliche Bereiche entstehen.
Das neue Projekt in Eibelshausen zeigt, was ein unkonventionelles Konzept bewirken kann: zufriedene Bewohner, motivierte Mitarbeitende und wachsende Aufmerksamkeit in einer Branche, in der gutes Personal Mangelware bleibt. „Gute Räume ziehen gute Menschen an und halten die, die schon da sind“, fasst Daniela Lenz zusammen – ein Leitsatz, der weit über dieses eine Haus hinausweist.
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