Pflegemarkt
„Love the work, hate the job“: Strukturen bremsen Bereitschaft für Verantwortung aus
Pflegefachpersonen wollen mehr Verantwortung übernehmen – stoßen aber auf Organisationen ohne Transparenz, Beteiligung und Veränderungskultur. Die DBfK-Befragung „Pflege, wie geht es dir?“ 2026 zeigt: Nur 22 Prozent erleben Veränderungen als partizipativ gestaltet.
Anlässlich des Internationalen Tags der Pflegenden am 12. Mai hat der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) die dritte Auflage seiner Online-Befragung „Pflege, wie geht es dir?“ veröffentlicht. Zwischen dem 1. März und 6. April 2026 beteiligten sich 3.003 beruflich Pflegende, davon 8,6 Prozent aus der ambulanten Pflege. Die Erhebung ist nicht repräsentativ, versteht sich laut DBfK aber als jährliches Stimmungsbarometer. Schwerpunkt der diesjährigen Auswertung ist das Thema Führung.
Hohe Berufsbindung trifft auf strukturelle Blockaden
83 Prozent der Befragten ohne Leitungsverantwortung empfinden ihren Beruf als sinnstiftend, 76 Prozent sind bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Nur drei Prozent stimmen jedoch voll und ganz zu, dass die Kompetenz von Pflegefachpersonen gesellschaftlich anerkannt wird. DBfK-Präsidentin Vera Lux fasst zusammen: „Pflegefachpersonen wenden sich nicht von ihrem Beruf ab. Sie wenden sich gegen Bedingungen, unter denen professionelle Pflege dauerhaft an ihre Grenzen gebracht wird.“
Die Wechselbereitschaft steigt: 20 Prozent der Pflegenden ohne Führungsverantwortung haben in den vergangenen zwölf Monaten mehrmals wöchentlich oder täglich daran gedacht, den Arbeitgeber zu wechseln. 16 Prozent erwogen ebenso häufig den vollständigen Berufsausstieg. 37 Prozent können sich nicht vorstellen, bis zur Rente in der Pflege zu arbeiten. Auffällig: Die Zusammenarbeit im Team wird deutlich positiver bewertet als die Wertschätzung durch Arbeitgebende oder Führungspersonen. 43 Prozent sind mit Führung und Management in ihrem Arbeitsbereich unzufrieden, 44 Prozent mit ihrer Arbeitsauslastung.
Schwerpunkt Führung: Spielraum ja, Beteiligung nein
31 Prozent der Befragten haben eine Führungsposition inne. 67 Prozent davon fühlen sich von ihrer direkten Führungsperson wertgeschätzt, 62 Prozent erleben ihre pflegerische Expertise als geschätzt. Die Schwächen liegen laut Befragung in der Organisationskultur:
- 46,3 Prozent kritisieren, dass Entscheidungen nicht transparent kommuniziert werden.
- 45,3 Prozent sehen Konflikte schlecht gelöst.
- 54,2 Prozent bemängeln, dass Veränderungen nicht gemeinsam gestaltet werden.
- Nur 22 Prozent stimmen zu, dass Veränderungen partizipativ ablaufen.
- Nur 33 Prozent erleben eine gelebte Fehlerkultur, ebenso viele sehen Karrierewege transparent kommuniziert.
- 31 Prozent berichten, dass Zukunftsperspektiven aktiv weiterentwickelt werden.
Der DBfK leitet daraus ab, dass Führungsdefizite weniger an Einzelpersonen hängen als an fehlenden Strukturen. Trainings allein reichten nicht – nötig seien geregelte Beteiligungsstrukturen sowie verbindliche Informations- und Kommunikationspolitik.
Belastungen der Führungsebene
Pflegedienstleitungen und Pflegedirektor:innen bewerten die eigene Führungsrealität insgesamt positiver, sehen sich aber unter hohem Problemdruck. Am stärksten beschäftigen sie laut Befragung Bürokratie (85 Prozent), Digitalisierung (81 Prozent), Personalgewinnung und -bindung (77 Prozent), Refinanzierung hoher Kosten (69 Prozent) sowie die Sicherung der Pflegeausbildung (63 Prozent). Bemerkenswert: Digitalisierung wird in dieser Gruppe eher als Belastung denn als Entlastung wahrgenommen. 98 Prozent der Führungskräfte geben an, regelmäßige Fort- und Weiterbildungen zu ermöglichen, 82 Prozent bieten Coachings, Supervisionen oder Gesundheitsförderung an.
Bei Pflegeunternehmer:innen dominieren laut Erhebung Bürokratie (87 Prozent), Refinanzierung hoher Kosten (80 Prozent), Digitalisierung (71 Prozent) und Personalgewinnung (67 Prozent) die Agenda. 43 Prozent erwirtschafteten im vergangenen Jahr Gewinne, 31 Prozent Verluste. 68 Prozent würden den Pflegeberuf wieder ergreifen, 52 Prozent erneut ein Unternehmen gründen.
Appell an Politik und Arbeitgebende
Der DBfK fordert verbindliche Personalausstattung, mehr Transparenz und Beteiligung in Organisationen, echte Steuerungsrechte für die Profession sowie die gesetzliche und finanzielle Absicherung erweiterter Rollen wie Advanced Practice Nurses – ausdrücklich auch für die ambulante Pflege und Primärversorgung. „Pflege darf nicht länger nur Gegenstand politischer Entscheidungen sein“, so Lux. „Sie muss Mitgestalterin von Versorgung werden.“
Die ausführlichen Ergebnisse der Befragung stellt der DBfK hier als PDF zur Verfügung, eine Kurzversion ist hier abrufbar. (ck)
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