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Tagespflege in Berlin: Hohe Zufriedenheit, doch jeder vierte Platz bleibt leer

Zehn von elf Nutzenden sind zufrieden, doch jeder vierte Platz blieb 2024 leer. Ein Bericht des Landesvereins wir pflegen Berlin e.V. identifiziert Zuzahlungen, fehlende Passung und schwierigen Zugang als Hauptbremsen – nicht mangelnde Bekanntheit. Zwischen den Bezirken schwankt die Nutzung um den Faktor vier.

Unkenntnis über das Angebot der Tagespflege spielt laut Befragung mit 24 Prozent der Nennungen die geringste Rolle. Bei den Hinderungsgründen dominieren die Zuzahlungen mit 63 Prozent. Foto: AdobeStock/Halfpoint

Der Landesverein wir pflegen Berlin e.V., Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation für pflegende An- und Zugehörige, hat einen Bericht zur Tages- und Nachtpflege vorgelegt. Grundlage ist eine Online-Befragung von Februar bis Mai 2026 mit 183 Datensätzen, ergänzt um amtliche Statistik, Fachgespräche und bundesweite Pflegereporte. Erstellt wurde der Bericht laut Verein nahezu ausschließlich mit eigenen Ressourcen.

Paradox zwischen Zufriedenheit und Leerstand

Obwohl alle zu Hause versorgten Pflegebedürftigen ab Pflegegrad 2 einen Rechtsanspruch haben, nutzt nach Angaben des Vereins nur ein kleiner Teil der Anspruchsberechtigten in Berlin die Tagespflege. Wer sie in Anspruch nimmt, bewertet sie überwiegend positiv: Zehn von elf Nutzenden vergeben laut Befragung die Noten „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“. Dennoch blieb 2024 rund ein Viertel der Plätze leer, und Berlin liegt bei der Nutzung deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.

Kosten als stärkste Bremse

Unkenntnis des Angebots spielt mit 24 Prozent der Nennungen die geringste Rolle. Bei den Hinderungsgründen dominieren – Doppelnennungen waren möglich – die Zuzahlungen mit 63 Prozent. 53 Prozent geben an, der Leistungsanspruch reiche nicht aus, 52 Prozent nennen den Weg zur Einrichtung als Problem. Die Fahrkosten belasten dabei dasselbe Budget, aus dem auch die Betreuung finanziert wird. Der Verein verweist auf Daten des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, wonach die Eigenanteile in der Tagespflege binnen zwei Jahren um rund ein Drittel auf durchschnittlich etwa 397 Euro monatlich gestiegen sind.

Belastung der Hauptpflegepersonen und Beratungslücke

Der Bericht beschreibt die häusliche Pflege als System, das häufig auf einer einzigen Hauptpflegeperson ruht – oft selbst älter, parallel erwerbstätig und vielfach an oder über der Belastungsgrenze. Bei der Beratung schneiden die Pflegestützpunkte am besten ab, erreichen laut Befragung aber nur einen Teil der Familien; die Mehrheit recherchiert selbst im Internet. Als ungelöstes Problem benennt der Verein die Rolle ausländischer Betreuungskräfte: unersetzlich für die Versorgung, aber statistisch nicht erfasst, rechtlich nicht gesichert und strukturell nicht mit anderen Angeboten vernetzt.

Bezirkliche Ungleichheit

Zwischen den Berliner Bezirken unterscheidet sich die Nutzung der Tagespflege laut Bericht um den Faktor vier. „Der Zugang zur Tagespflege darf nicht von der Wohnadresse abhängen“, so Heinrich Stockschlaeder, Vorstandsmitglied von wir pflegen Berlin e.V. und Mitglied des Landespflegeausschusses. Er bewertet die Diskrepanz zwischen vorhandenem Bedarf und gutem Angebot als „Steuerungs- und Finanzierungsproblem, kein Motivationsproblem der Familien“.

Heterogene Bedarfe

Der Bericht betont, dass sich Anforderungen bei Demenz, körperlicher Beeinträchtigung, eingeschränkter Mobilität oder bei pflegebedürftigen Kindern grundlegend unterscheiden. Familien mit pflegebedürftigen Kindern bewegten sich zeitgleich in mehreren Sozialgesetzbüchern, ohne dass eine Federführung existiere. Pauschale Lösungen gingen deshalb häufig fehl.

Vier Lücken – und die Bestätigung des Senats

Ein eigenes Kapitel widmet sich der Frage, warum das Miteinander vor Ort nicht von selbst entsteht. Benannt werden vier Lücken: bei Koordination, Information, Verantwortung und Daten. Der Senat habe den Befund inzwischen selbst bestätigt und im März 2026 auf eine parlamentarische Anfrage geantwortet, es gebe zahlreiche Fachplanungen und Förderprogramme, „eine diese Aktivitäten bündelnde Gesamtstrategie gibt es auf Landesebene nicht“.

Bezirk als Handlungsebene

Der Bericht verortet die Steuerungsverantwortung auf Bezirksebene. Vorgeschlagen werden eine bezirkliche Pflegekonferenz mit Geschäftsführung beim Bezirksamt, eine hauptamtliche Koordinierungsstelle in jedem Bezirksamt sowie eine Plattform, die freie Plätze und ungedeckte Bedarfe sichtbar macht. Für die Finanzierung verweist der Verein auf Mittel der Pflegeversicherung: Seit 2026 seien in den Stadtstaaten je Bezirk bis zu zwei regionale Netzwerke mit je bis zu 30.000 Euro jährlich förderfähig – eine Option, die bislang an der Trägerfrage scheitere. Anknüpfen ließe sich zudem an das im Mai 2026 beschlossene Altenhilfestrukturgesetz, das für die Bezirke eine eigene Organisationseinheit Altenhilfe vorsieht.

Kritik am Pflegeneuordnungsgesetz

Kritisch bewertet der Verein das laufende Pflegeneuordnungsgesetz. Nach dem Referentenentwurf würde die Tagespflege aus dem neuen Sozialraumbudget ausgeschlossen, die Pflegegrad-Schwellenwerte pauschal angehoben und die heutigen „Hebel“-Leistungen zur Senkung der Zuzahlungen in ihrer jetzigen Form entfallen. Der Landesverein fordert Nachbesserungen, gegebenenfalls über den Bundesrat.

20 Handlungsempfehlungen, elf Koalitionsvorhaben

Der Bericht schließt mit 20 Handlungsempfehlungen, differenziert nach Ebene, Zeithorizont und Verantwortung. Kapitel 18 verdichtet sie zu elf Vorhaben für die nächste Koalitionsvereinbarung – formuliert im Duktus einer Koalitionsvereinbarung, damit sie unmittelbar verhandelbar sind. „Wer pflegt, soll gefunden werden, statt suchen zu müssen“, so Stockschlaeder.

Gemeinsame Bewertung und Pflegepolitischer Dialog

Der Landesverein hat den Mitgliedern des Landespflegeausschusses und der Fachöffentlichkeit vorgeschlagen, die Ergebnisse gemeinsam zu bewerten; dafür stehen Online-Bewertungstools bereit. Auch Pflegebedürftige und pflegende An- und Zugehörige können online zurückmelden, ob die Befunde ihren Erfahrungen entsprechen. Diskutiert werden die Ergebnisse beim 4. Pflegepolitischen Dialog am 7. September 2026 im Berliner Abgeordnetenhaus unter dem Motto „Pflegende An- und Zugehörige stärken – häusliche Pflege in Berlin zukunftssicher gestalten. Was gehört in die nächste Koalitionsvereinbarung?“ Grundlage ist ein Positionspapier des Landesvereins mit 16 Vorschlägen, das die elf Punkte des Berichts um weitere Themen ergänzt.

Weitere Informationen sowie die Online-Bewertungstools sind über wir pflegen Berlin e.V. erhältlich: https://www.wir-pflegen.net/landesvereine/berlin

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