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Pflegereform: Mehr Fokus auf Prävention legen

Angesichts stark steigender Zahlen pflegebedürftiger Menschen dringen Experten auf eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung – mit einem deutlich stärkeren Schwerpunkt auf Prävention. Nach Angaben des Medizinischen Dienstes Bund erhalten inzwischen mehr als sechs Millionen Menschen Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung; seit 2015 hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt.

Zentral ist, Prävention wie gesunde Ernährung deutlich stärker zu verankern. Foto: Adobe Stock/stokkete

„Wir müssen alles tun, um die Versicherten dabei zu unterstützen, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder ihrer Verschlechterung aktiv entgegenzuwirken“, sagte Carola Engler, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Medizinischen Dienstes Bund, am Dienstag in Berlin.

Die aktuelle Entwicklung stelle das System vor erhebliche Herausforderungen – auch für die Pflegeversicherung selbst. „Der Zugang zur Pflege funktioniert und das ist eine gute Nachricht“, sagte der Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Oliver Blatt. Zugleich warnte er: „Der starke Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen stellt die Pflegeversicherung vor finanzielle und strukturelle Herausforderungen. Die müssen wir nun endlich angehen.“

Blatt mahnte zudem grundlegende Reformen bei der Finanzierung an: „Zugleich müssen wir die Finanzierbarkeit des Systems endlich zukunftsfest aufstellen“, sagte er mit Blick auf die Pflegeversicherung als solidarisch organisiertes System.

Zentral sei dabei, Prävention deutlich stärker zu verankern. Fachleute warnen, Pflegebedürftigkeit werde noch zu oft als unvermeidbares Schicksal betrachtet. „Pflegebedürftigkeit ist kein unabwendbares, altersabhängiges Schicksal“, betonte Engler. Vielmehr spielten beeinflussbare Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, Rauchen, Adipositas oder soziale Isolation eine wichtige Rolle.

Ein besonderer Hebel liegt nach Einschätzung der Experten in der Begutachtung der Versicherten. Gutachterinnen und Gutachter seien häufig die ersten Fachleute vor Ort. „In der Begutachtungssituation können die Gutachterinnen und Gutachter […] wichtige Impulse zur Prävention, zur Verbesserung der Pflegesituation und zur Entlastung der An- und Zugehörigen geben“, sagte Engler. Ziel sei es, die Pflegebegutachtung zu einer „präventiven Impulsberatung“ weiterzuentwickeln.

Die Auswertung aktueller Daten zeigt, dass hier große Potenziale liegen: In rund 59 Prozent der Erstbegutachtungen empfehlen Gutachter therapeutische Maßnahmen wie Physio- oder Ergotherapie, in gut 43 Prozent Hilfsmittel etwa zur Mobilität oder zur Anpassung des Wohnumfelds.

Viele der Hilfsmittelempfehlungen werden bislang nicht umgesetzt

Allerdings werden viele dieser Empfehlungen bislang nicht umgesetzt – etwa weil zusätzliche Verordnungen notwendig sind und Angehörige überfordert sind. Deshalb fordern die Experten eine deutlich bessere Vernetzung der beteiligten Akteure im System.

Ein weiterer zentraler Punkt bleibt die Organisation der Pflege im Alltag. Fast 60 Prozent der Leistungsbezieher setzen auf Pflegegeld und werden überwiegend zu Hause von Angehörigen versorgt – häufig ohne professionelle Unterstützung. Gerade diese Versorgungsarrangements müssten stärker in den Blick genommen und gezielter unterstützt werden.

Zugleich nimmt der Reformdruck weiter zu: Die Zahl pflegebedürftiger Kinder und Jugendlicher hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu vervierfacht. Auch hier sehen Fachleute eine wichtige Rolle präventiver Ansätze, um langfristige Pflegebedürftigkeit zu vermeiden.

Neben strukturellen Änderungen setzen die Beteiligten auch auf technische Lösungen. So könnte etwa die Videobegutachtung Verfahren erleichtern und Angehörige stärker einbeziehen – allerdings fehlt vielerorts noch die notwendige digitale Infrastruktur.

Insgesamt machen die Beteiligten deutlich: Eine Reform der Pflegeversicherung dürfe sich nicht allein auf Leistungen und Finanzierung beschränken. Vielmehr müsse Prävention ein zentraler Bestandteil werden, um das System langfristig zu stabilisieren. Engler fasste es so zusammen: „Die gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit gilt es zu verstärken.“