Aktivierung und Betreuung

Fitte Gäste mit Alltagsprogramm

Warum die Tagespflege fit hält und man Senior:innen nicht zu viel abnehmen sollte: Darum drehte sich ein wissenschaftlich begleitetes Projekt. Wichtig ist, dass der Ansatz, die Senior:innen möglichst viel selbst machen zu lassen, nicht auf die Tagespflege beschränkt bleibt. „Nur so viel Hilfe wie nötig, das muss durchgängig sein“, sagt Bianca Berger von der Hochschule Esslingen, „auch zu Hause bei den Angehörigen.“

Das Team von Vinzenz von Paul und die beiden Hochschulmitarbeiter:innen (Dritter und Vierte von links) haben ein Jahr lang im Projekt zusammengearbeitet. Foto: Vinzenz von Paul gGmbH

Die Beschäftigten in der Tagespflege brauchen viel Ausdauer und Motivationsvermögen, um die Senior:innen verstärkt in Bewegung zu bringen. Sie müssen selbstreflektiert handeln und dürfen nicht in die „Service-Falle“ tappen. Denn natürlich ist es oft einfacher, die Gäste zu bedienen – das geht schneller und ohne Missgeschick vor sich und alle sind zufrieden. Doch was man nicht selbst tut, geht verloren, und gerade die kleinen Alltagstätigkeiten sind vielfältig und immens wichtig, damit das Leben in den eigenen vier Wänden möglichst lange gelingt.

Darauf hebt das Konzept ab, das die Tagespflege St. Anna der Vinzenz von Paul gGmbH Soziale Dienste und Einrichtungen zusammen mit einem Team der Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Bildung und Pflege, entwickelt hat. Es nutzt gezielt all die kleinen Alltagshandlungen, zum Beispiel rund ums Essen: Die Gäste werden nicht nur beim Gemüseschnippeln einbezogen, sondern auch beim Tischdecken. Sie holen sich beim Frühstückbüffet ihre Brötchen selbst, schenken sich das Wasser beim Mittagessen selbst ein. Nach dem Ende der Corona-Beschränkungen konnte man solche Dinge wieder einführen und auch ausweiten, berichtet Anastasia Rau, die Leiterin der Tagespflege in St. Anna. Wenn jetzt ein Gast mal einen Stock tiefer etwas zu erledigen hat, geht man gerne die Treppe, anstatt den Aufzug zu nehmen.

Di9e Betroffenen werden von der Tagespflege unterstützt und beraten, beispielsweise in Sachen Einsatz von Hilfsmitteln oder durch die Vermittlung von Wohnraumberatung. Die Mitarbeitenden der Tagespflege können auch einen Medikamentencheck bei der Apotheke anregen, wenn sie den Verdacht haben, dass zu viele Medikamente sich negativ auf die Beweglichkeit eines Gastes auswirken. Die Kosten hierfür werden einmal im Jahr von der Kasse übernommen.

Ebenso werden weitere externe Dienstleistungen, beispielsweise Physio- oder Ergotherapie, vermittelt. Ab Januar bietet die Tagespflege von St. Anna in ihren Räumen Reha-Sport an, an dem auch Externe teilnehmen können. Den Tag hier zu verbringen, steht also anderen Terminen nicht im Weg, sondern integriert sie, soweit es möglich ist. Oft wissen Angehörige von pflegebedürftigen, alten Menschen das nicht; oft sind sie auch über die Finanzierungsmöglichkeiten nicht informiert. „Dabei wird dieses Angebot gut über die Krankenkassen refinanziert“, betont Regionalleiterin Isolde Otto-Langer.

„Man kann mit einfachen Mitteln viel bewegen“, sagt Konstantin Wall, der Einrichtungsleiter von St. Anna, beeindruckt. Das Projekt habe viele gute und interessante Ansätze geliefert, die nun weiter ausgebaut würden. So nehmen drei Mitarbeiterinnen an einer speziellen Qualifizierung teil, die einen ähnlichen Ansatz verfolgt. Und in einem Jahr wird man bei einem weiteren Zusammentreffen mit dem Team von der Hochschule Bilanz ziehen.