Pflege und Politik
Frei: Anteil stationär gepflegter Menschen wird steigen
Kanzleramtschef Thorsten Frei sieht die Pflegeversicherung vor tiefgreifenden Veränderungen. Die bisher dominierende häusliche Pflege werde künftig nicht ausreichen, der Bedarf an Heimplätzen steige. Dramatische Warnungen kommen vom GKV‑Spitzenverband: Er rechnet damit, dass im kommenden Jahr mehrere Pflegekassen vor der Zahlungsunfähigkeit stehen. Sie müssten mit Nothilfen vor der Pleite gerettet werden – trotz milliardenschwerer Darlehen für die gesetzliche Pflegeversicherung.
Die Darlehen des Bundes von inzwischen 4,2 Milliarden Euro deckten 2026 zwar annähernd das Defizit, sagte Verbandschef Oliver Blatt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Weil die Finanzierung derart auf Kante genäht ist, gehen wir davon aus, dass einzelne Pflegekassen im kommenden Jahr Liquiditätshilfen benötigen werden“, sagte er aber. „Dafür gibt es zwar ein geregeltes Verfahren, doch es zeigt, wie stark der Reformbedarf ist.“
Im Februar 2025 hatte demnach erstmals eine Pflegekasse Liquiditätshilfen aus dem sogenannten Ausgleichsfonds der gesetzlichen Pflegeversicherung beantragen müssen. Ab 2027 seien die Kredite aufgebraucht, und es entstehe eine Finanzierungslücke, die rund 0,3 Beitragssatzpunkten entspreche. „Ohne Reformen kann die Pflegeversicherung das also gar nicht leisten“, mahnte der Verbandschef. Mit Blick auf die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Pflegereform, die magere Ergebnisse vorgelegt hatte, kritisierte er: „Ich habe den Eindruck, die Brisanz der Lage ist immer noch nicht allen Beteiligten klar.“
Auch Kanzleramtschef Thorsten Frei sieht die Pflegeversicherung vor tiefgreifenden Veränderungen. Deutschland habe das teuerste Gesundheitssystem der Welt, die Bevölkerung sei aber nicht überdurchschnittlich gesund, sagte der CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Um das System günstiger zu machen, müssten daher manche Leistungen entfallen. „Wir werden deshalb nicht kränker“, so Frei. Dies funktioniere auch in anderen Ländern. Welche konkreten Leistungen gestrichen werden sollten, ließ der Kanzleramtschef allerdings offen. Er räumte ein, dass die Maßnahmen Widerstände hervorrufen würden, betonte jedoch: „Wir müssen das im Interesse des Ganzen durchsetzen.“
Pflegeversicherung vor großen Umwälzungen
Neben dem Gesundheitssystem thematisierte der Kanzleramtschef auch die Pflegeversicherung, die er als „Riesenherausforderung“ bezeichnete. Derzeit würden 86 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. „Das wird künftig nicht mehr der Fall sein“, sagte Frei dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Der Anteil derjenigen, die in stationären Einrichtungen gepflegt werden müssten, werde aller Voraussicht nach steigen.
Der Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) begrüßte Freis Aussagen. Sie entsprächen den Ergebnissen einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Verbands, wonach weniger als die Hälfte der Angehörigen bereit oder in der Lage sei, Pflege zu Hause zu übernehmen. AGVP-Präsident Thomas Greiner sprach von einem realistischen Blick auf die Lage. „Auch Pflegepolitik beginnt mit der Betrachtung der Realität“, sagte er.
Der Verband fordert einen raschen Ausbau stationärer Pflegeangebote. Nötig seien mehr Pflegeplätze sowie eine flexiblere Personalpolitik, die sich stärker an Kompetenzen orientiere. Zudem verlangte der AGVP mehr Digitalisierung und den Einsatz Künstlicher Intelligenz, auch mit Blick auf Anerkennung und Finanzierung digitaler Hilfsmittel.
Greiner kritisierte, 2025 sei für die Altenpflege erneut ein „verlorenes Jahr“ gewesen. Die angekündigte Pflegereform 2026 müsse eine Trendwende bringen – mit weniger Bürokratie, dem Abschied von aus Sicht des Verbands unrealistischen Fachkraftquoten und mehr unternehmerischer Freiheit. Ohne grundlegende Reformen drohe eine Überforderung der Angehörigen. Versorgungssicherheit in der Pflege dulde keinen Aufschub.
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